Interview – Eine LandFrau erzählt vom Dürresommer

Wenn der Regen ausbleibt

Zwei fehlende Grasschnitte, hitzegestresste Kühe, Mehrkosten im mittleren fünfstelligen Bereich: Der Dürresommer 2026 ist für viele Höfe in Baden-Württemberg mehr als nur unangenehmes Wetter – er verändert die Arbeit ganz konkret. Sabine Stier bewirtschaftet mit ihrer Familie den seit 1815 bestehenden Hof im Schwäbischen Wald: rund 100 Hektar Grünland, Acker und Wald, eine Fleckvieh-Milchviehherde, 600 Hennen und Kartoffelanbau. Im Gespräch mit dem LandFrauenverband erzählt sie, wie Hitze und Trockenheit ihren Alltag prägen – wirtschaftlich, aber auch ganz persönlich.

 

 

Steckbrief

Name: Sabine Stier

Ort: Schönbrunn im Schwäbischen Wald

Betrieb: Familienbetrieb seit 1815, ca. 100 Hektar Grünland, Acker und Wald; Fleckvieh-Milchviehherde (ca. 75 Kühe plus weibliche Nachzucht), 600 Legehennen, Kartoffelanbau (35 Ar) – Direktvermarktung von Eiern und Kartoffeln

 

 

 

Zur Person und zum Betrieb

Stellen Sie sich und Ihren Hof kurz vor – was macht ihn aus?

„Unser Hof liegt im Schwäbischen Wald und ist stark von Wiesen und Wald geprägt. Wir bewirtschaften ihn seit 1815 in Familienhand – aktuell knapp 100 Hektar Feld und Wald. Nur mit Tierhaltung lässt sich das Grünland bei uns sinnvoll nutzen: Wir halten eine Fleckvieh-Kuhherde mit rund 75 Kühen und deren weiblicher Nachzucht – also den weiblichen Kälbern, die selbst aufgezogen werden und nach dem ersten kalben später selbst Milch geben. Außerdem vermarkten wir die Eier unserer 600 Hennen und Kartoffeln von 35 Ar Anbaufläche direkt.“

Wenn der Regen ausbleibt

Wann haben Sie gemerkt, dass der Klimawandel auf Ihrem Hof ganz konkret angekommen ist?

„In der Landwirtschaft ist man immer direkt mit dem Wetter verbunden – es gibt jedes Jahr Phasen, in denen die Bedingungen nicht optimal sind. Auch früher gab es schon Sommer, in denen Trockenheit zu Futterknappheit geführt hat. Bei uns hängt der Ertrag des Grünlands von mindestens 50 Litern Niederschlag pro Wachstumsphase ab – und davon, dass es dabei nicht zu heiß wird. Seit Anfang Juni ist bei uns aber kaum noch Regen gefallen. Die Hitze hat das bisschen Aufwuchs, das es gab, immer wieder niedergebrannt. Dadurch fehlen uns inzwischen zwei komplette Grasschnitte.“

Was bedeutet das ganz praktisch – etwa für die Weidehaltung und die Tiere?

„Unsere Milchkühe mögen die heißen Tage auch nicht: Sie fressen weniger und geben weniger Milch. Bei den Hennen werden die Eier kleiner. Auch unser Mais, den wir als Tierfutter anbauen, hatte auf unseren eher sandigen Böden schon bei der ersten Hitzewelle im Juni deutliche Schäden. Zum Glück ist Mais eine Pflanze, die sich gut erholt. Mit dem wenigen Regen der letzten Wochen hatte er sich wieder etwas berappelt.“

Was das wirtschaftlich und persönlich bedeutet

Können Sie greifbar machen, was Hitze und Dürre wirtschaftlich für Sie bedeuten?

„Ganz konkret haben wir schon im Juni den ersten Mais zugekauft, um den Ausfall auf unseren eigenen Flächen auszugleichen. Anfang August dann noch einmal, um die fehlenden Grasschnitte zu kompensieren. Auf den Feldern, die wir dieses Jahr sehr früh abgeerntet haben, haben wir größtenteils eine Hafer-Erbsen-Mischung als Grünfutter eingesät, die wir im Spätherbst silieren wollen, also für die Winterfütterung haltbar machen. Reichen wird das Futter aber nur, wenn wir im Herbst noch einen weiteren Grasschnitt einfahren können, das setzt ausreichend Regen voraus, was die letzten Jahre zum Glück der Fall war. Finanziell bewegen sich unsere Mehrausgaben im mittleren fünfstelligen Bereich. Bei den aktuell sehr niedrigen Milchpreisen ist das eine große Belastung.“

Was macht diese ständige Unsicherheit – reicht der Regen, reicht die Ernte – mit Ihnen persönlich, über die reine Arbeitsbelastung hinaus?

„Mir persönlich fiel es sehr schwer zu ertragen, dass es schon so früh im Jahr überall so trocken war. Es ist hart, zusehen zu müssen, wie Pflanzen, die gerade schön ins Wachstum kommen, plötzlich ausgebremst werden. Ich muss mir dann immer wieder klarmachen, dass solche Jahre eben auch dazugehören und, dass man nach Wegen suchen muss, damit umzugehen, ganz akut und langfristig. Solche Situationen spannen auch das Familienleben an. Aber wir suchen die Lösungen gemeinsam.“

Wie die Familie reagiert

Welche Maßnahmen haben Sie oder Ihre Familie bereits ergriffen, um besser mit Hitze und Trockenheit umzugehen?

„Wir haben uns entschieden, die Futterfläche zu vergrößern: Im nächsten Jahr bauen wir kein eigenes Getreide mehr an, sondern Kleegras. Das Getreide kaufen wir dann komplett zu. Im Kuhstall haben wir in Ventilatoren investiert, die die Luft in Bewegung halten und den Kühen Abkühlung verschaffen. Für die Kälber haben wir Sonnensegel aufgehängt, damit sie Schatten haben.“

Frau sein auf dem Hof

Sie führen den Betrieb gemeinsam mit Ihrem Mann und den Kindern, gibt es aus Ihrer Erfahrung Aufgaben oder Lösungsansätze, die eher bei Ihnen als Frau auf dem Hof liegen?

„Da wir alle Entscheidungen gemeinsam treffen, kann ich nicht sagen, dass eine bestimmte Entscheidung typisch weiblich wäre. Aber jeder in der Familie hat seinen eigenen Ansatz, um Probleme anzugehen. Meine Aufgabe ist es vor allem, zu organisieren.“

Was bedeutet es Ihnen, als Bäuerin und LandFrau in einem Verband organisiert zu sein, wenn es um Austausch und gegenseitige Unterstützung in Krisenzeiten wie diesen geht?

„Mir persönlich ist es wichtig, bei den LandFrauen dabei zu sein. Die Netzwerke und Bekanntschaften, die dabei entstehen, bringen einem in solchen Situationen wertvolle Informationen und mehr Möglichkeiten.“

Was sich ändern müsste

Was braucht es aus Ihrer Sicht am dringendsten von Politik und Gesellschaft, damit Betriebe wie Ihrer die Folgen des Klimawandels besser abfedern können?

„In so extremen Jahren wie diesem würde ich mir unbürokratische Hilfen wünschen. Zum Beispiel, dass Sanktionen ausgesetzt werden, wenn man aus der Not heraus,  entgegen den Vorschriften, den Fruchtwechsel ändert und mehr Futterpflanzen anbaut. Auch würde ich mir wünschen, dass zugesagte Hilfen ehrlich pro Betrieb ausgewiesen werden. Große Summen kommen beim Verbraucher zwar gut an, nach dem Motto ‚Ihr bekommt ja jetzt…‘ , aber sie sagen wenig darüber aus, was beim einzelnen Hof tatsächlich ankommt. Wetterextreme und Klimawandel gehen uns alle an, am Ende müssen alle essen.

Die Gegebenheiten unserer Region sind eng mit der Tierhaltung verbunden: Ohne sie lässt sich unser Grünland gar nicht sinnvoll nutzen. Deshalb wünsche ich mir mehr Akzeptanz für die Tierhaltung. Es fällt mir schwer zu verstehen, dass ausgerechnet die Tierhaltung, die seit Jahrhunderten unsere Ernährung sichert und die Höfe erhält, zugunsten des CO2-Verbrauchs durch Verkehr und privaten Konsum in der Kritik steht. Ich wünsche mir Verbraucherinnen und Verbraucher, die verstehen, dass regionale Produkte Kreisläufe am Laufen halten und uns helfen, extreme Wetterereignisse auch wirtschaftlich besser zu überstehen.“

Blick nach vorn

Wenn Sie sich Ihren Hof in zehn Jahren vorstellen: Was müsste sich verändert haben, damit er dem Klimawandel besser gewachsen ist?

„Langfristig planen wir, auch in den nächsten Jahrzehnten Milchwirtschaft zu betreiben. Unsere Ställe und Maschinen sind schließlich auf Jahrzehnte hin ausgelegt. Die Grünlandwirtschaft gehört in unserer Region ganz selbstverständlich dazu. Wir werden weiter daran arbeiten, Grünland und Futterbau so zu organisieren, dass sie uns verlässlich Erträge bringen.“

 

Herzlichen Dank an Sabine Stier für die offenen Einblicke in ihren Hof-Alltag!